Montag, 22. August 2011

Die Krise und ich

Absurd. Kein Wort beschreibt die aktuelle Situation besser als absurd. Egal, welche Zeitung man aufschlägt, welchen Sender man anstellt: Die Krise ist allgegenwärtig. Immobilien, Banken, Börse, ja sogar ganze Staaten hat sie erfasst. Seit 2008 rast die Welt unaufhaltsam von einem Abgrund zum nächsten. An der Börse werden in einer Woche Billionen verbrannt. Es klingt nach 1929, nach Schlange stehen vor Suppenküchen, Armut, Massensuizid der Banker, Arbeitslosigkeit und Depression. Aber nichts dergleichen passiert. Im Gegenteil, die Arbeitslosigkeit ist so niedrig wie lange nicht mehr, manche Politiker sprechen schon von einer neuen Ära der Vollbeschäftigung. Eine Spurensuche von Oliver.

Es ist die schlimmste Wirtschaftskrise seit Jahrzehnten und ich habe nicht einen Cent weniger im Geldbeutel. Zumindest kommt es mir nicht so vor. Zeit, auf Spurensuche zu gehen. Wo ist die Krise? Was passiert mit meinem Geld, sind meine Ersparnisse gefährdet? Dominik Groll sollte es wissen. Er arbeitet beim Institut für Wirtschaftsforschung (IfW) in Kiel. »Also, wenn man keine Aktien hat, ist man erst mal nicht betroffen.« Das klingt fast beruhigend, nach den Krisenschlagzeilen der letzten Woche. Wer Aktien hat, weiß, dass die Kurse rauf und runter gehen, kein Grund zur Sorge. Eigentlich. Vor einigen Jahren habe ich einen kleinen Betrag in einem Aktienfonds meiner Hausbank angelegt. Hausbank klingt dabei schon reichlich hochtrabend für die örtliche Sparkassenfiliale. Für die Wertentwicklung habe ich mich bisher nicht groß interessiert. Der Einbruch ist eine gute Gelegenheit, das zu ändern.

Wirtschaftskrise damals und heute
Es dauert etwas, aber nach kurzen Suche finde ich die Wertentwicklung meiner Anlage. Und tatsächlich: wie bei fast allen Papieren ist ihr Wert rapide gefallen. Wenn ich sie jetzt verkaufe, würde ich einen Verlust machen. Aber das will ich ja gar nicht. Irgendwann wird der Kurs auch wieder steigen. Denn Aktien sind Anteile an Firmen und damit Gradmesser der Konjunktur. Aber wie kann es sein, Herr Groll, dass die Realwirtschaft von der aktuellen Krise scheinbar unberührt bleibt? »Das Kurzarbeitergeld ist auf jeden Fall nicht der Grund. Kurzarbeit gibt es schon lange. Aber die Arbeitsmarktreformen zwischen 2002 und 2005 haben dazu beigetragen, die strukturellen Defizite zu verbessern. Auswirkungen treten immer mit Verzögerung auf. Und jetzt haben wir das Glück, dass die positive Wirkung der Reformen genau in die Zeit der Turbulenzen fällt und diese so abgemildert werden.«

Ein weitere Auswirkung der Krise: Die Staatsverschuldung steigt in astronomische Höhen. Derzeit liegt sie in Deutschland bei über zwei Billionen Euro. Eine Zwei mit 12 Nullen. Was ist mit den Bürden, die der nächsten Generation in Form des Schuldenbergs aufgehalst werden? »Das kommt auf die Reaktionen der Politik an, unmöglich die jetzt vorherzusagen. Aber ab 2016 gilt ohnehin die gesetzliche Schuldenbremse. Ab da darf der Staat nur noch Schulden machen, die 0,35 Prozent des BIP entsprechen. Es wird also so oder so zu Kürzungen kommen.« 0,35 Prozent. Das ist ein Zehntel dessen, was der Staat in den vergangenen Jahren an Krediten aufgenommen hat. Vielerorts wird gerade darüber debattiert, wie viele Schwimmbäder sich die Städte noch leisten können; Bibliotheken werden geschlossen. Ist das die Katastrophe? Die Schulden jetzt sind die geschlossenen Schwimmbäder von morgen?

Anruf beim deutschen Städtetag. Die Dame möchte lieber nicht namentlich genannt werden. »Schreiben Sie: Eine Pressesprecherin!«. Ja, es stimme die Krise habe die Schuldenlage der Städte weiter verschlimmert. »Die Gewerbesteuer ist eingebrochen, gleichzeitig stiegen die Ausgaben für Soziales, sprich Erwerbslose. Erst 2012 werden wir wieder auf dem Stand von 2008 sein«. Gewerbesteuer zahlen Unternehmen in der Stadt, wieder die Realwirtschaft. Städte verlieren in Krisen doppelt: Die Gewerbesteuern, die wichtigste Einnahmequelle der Städte bricht ein, gleichzeitig tragen sie die Kosten der steigenden Arbeitslosigkeit, vor allem die Wohnungskosten von Arbeitslosen. Aber der Realwirtschaft geht es doch zur Zeit gut. Wie können da die Städte betroffen sein? »Neben den Krisen gab es in den vergangenen Jahren viele Entscheidungen im Bund zu Lasten der Kommunen. Den Ausbau der Kitas beispielsweise müssen die Kommunen alleine stemmen«. Die Krisen sind also allenfalls ein Teil des Problems. Politische Weichenstellung ist mindestens genauso entscheidend.

Demonstration von Bürgermeistern und Kämmerern vor dem Landtag in Düsseldorf. Bildquelle: Focus Online
Und was macht die Krise mit meinem Geld, heute? Franz Herrmann spricht mit weichem bayerischen Akzent. Der 66-jährige war Unternehmer. Seit er im Ruhestand ist, beschäftigt er sich mit Geld. Ende der 90er gründete er den Bund der Sparer, seitdem schreibt er Bücher mit Titeln wie Die Finanzbibel. Sein neustes Werk heißt Die Finanzlüge. »Die Schulden sind enorm. Deutschlands Schulden liegen bei 85 Prozent des BIP, in Italien sind es sogar 145 Prozent! Da gibt es nur einen Weg heraus: Inflation! Die Staaten werden alle die Notenpressen anwerfen und unsere Ersparnisse verlieren an Wert. Das ist die Folge der Krise! Und ich sage Ihnen, das Beste was sie machen können: Kaufen Sie Gold! Nicht gleich in ganzen Barren, sondern kleine Portionen, die Sie schnell zu Geld machen können!«

Besonders in Krisenzeiten als stabile Wertanlage beliebt. (Bildquelle: covilha)
Inflation heißt, es gibt mehr Geld, bei der gleichen Menge an Waren und Dienstleistungen. Das Geld verliert dadurch seinen Wert. Ein Pfund meines bevorzugten Kaffees ist in den letzten Wochen einen Euro teurer geworden. Ein Preisanstieg von 20 Prozent. Die Benzinpreise sind im Schnitt um 15 Prozent gestiegen. Das geht ins Geld. Das wäre aber einfacher zu verkraften, wenn die Gewinne unter denen verteilt worden wären, die sie erwirtschaftet haben. De facto ist Deutschland das einzige Land der EU, in dem die Reallöhne in den vergangenen zehn Jahre gefallen sind. Die Gewinne des Wirtschaftswachstums gingen vor allem an obere Einkommensschichten, untere und mittlere haben verloren. Das ist keine Krise der Börse, sondern der Lohnpolitik und der Einstellung der wirtschaftlichen Eliten. Aber noch gehöre ich zu keiner Einkommensgruppe. Meinen Nebenjob kann ich jedenfalls nicht mit einem Familieneinkommen vergleichen.

Ich denke noch mal kurz über Herrn Herrmanns Rat nach. Die Inflation frisst ja schließlich das Geld auf meinem Konto. Andererseits: Ein Gramm Gold kostet derzeit etwa 41 Euro. Dafür bekomme ich schon ein Buch für’s Studium – oder kann drei mal ins Kino gehen. Ich werde noch warten mit dem Goldkauf. Denn auch der Goldpreis spiegelt nur Erwartungen wieder. Und wer weiß, wann wieder ein Preisverfall erwartet wird.

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